John 20

Am ersten Wochentag früh, als es noch dunkel war,
Dies ist Zeitbestimmung = am Anfang der "Frühnacht." Finster war es nicht, denn der Vollmond schien ja.
ging Maria von Magdala zum Grab. Da sah sie, daß der Stein
Von dem Johannes aber im vorigen nichts gesagt hat; doch vgl. Mr 15:46.
vom Grab weggenommen war.
Eilend lief sie nun zu Simon Petrus und zu dem anderen Jünger, den Jesus liebhatte, und sprach zu ihnen: "Man hat den Herrn aus dem Grab weggenommen; und wir
Maria schließt hier die zwar von Johannes nicht erwähnten, aber von den anderen Evangelisten genannten Begleiterinnen mit ein. Mt 28:1, Mr 16:1, Lu 24:1 Es scheint übrigens, daß Maria von Magdala mit den anderen Frauen gar nicht erst zum Grab gegangen ist und dort die Engelbotschaft von Jesu Auferstehung vernommen hat. Sondern als sie aus der Entfernung wahrnahm, daß der Stein vom Grab abgewälzt war, Mr 16:4 da eilte sie in der Meinung, Jesu Leichnam sei gestohlen worden, nach Jerusalem zurück.
wissen nicht, wohin man ihn gelegt hat."
Da machte sich Petrus mit den anderen Jüngern auf den Weg zum Grab. Beide liefen miteinander. Doch der andere Jünger, der schneller war als Petrus,
Weil er jünger und deshalb behender war.
eilte ihm voraus und kam zuerst zum Grab.
Dort bückte er sich nieder und sah die leinenen Binden liegen, ging aber nicht hinein. Nun kam auch Simon Petrus nach. Der betrat das Grab. Er sah dort die leinenen Binden liegen; das Schweißtuch aber, das Jesu Haupt verhüllt hatte, lag nicht bei den Binden, sondern besonders aufgerollt an einer anderen Stelle.
Diese Tatsache bewies, daß hier kein Leichenraub vorlag, sondern daß der zum Leben Erweckte das Tuch sowie die Binden ruhig und mit aller Sorgfalt abgelegt hatte.
Nun ging auch der andere Jünger hinein, der zuerst zum Grab gekommen war: er sah und glaubte.
Er glaubte, daß Jesus auferstanden sei. Zu diesem Glauben brachte ihn der klare Tatbestand: das leere Grab und die zurückgebliebenen, sorgfältig hingelegten Leichentücher überzeugten ihn von Jesu Auferstehung.
Denn
V9 begründet, warum sie erst durch das Sehen des leeren Grabes zum Glauben an Jesu Auferstehung kamen.
damals verstanden sie
Hier wird auch Petrus mit eingeschlossen.
die Schrift noch nicht, worin gesagt wird, daß er von den Toten auferstehen müsse.
Erst später ging ihnen durch die Erleuchtung des Heiligen Geistes ein klares Verständnis darüber auf, wie deutlich Jesu Auferstehung schon in den heiligen Schriften des Alten Bundes vorausverkündigt ist. Am Ostermorgen aber hatten sie dies tiefe Schriftverständnis noch nicht. Freilich hatte Jesus seine Apostel in so bestimmten Worten auf seine Auferstehung hingewiesen, Mt 16:21, 17:9, Mr 10:34 daß Johannes und Petrus nun durch das leere Grab von ihrer Tatsächlichkeit überzeugt wurden.
10 Dann kehrten die Jünger wieder nach Hause zurück. 11 Maria aber blieb draußen bei dem Grab stehen und schluchzte laut. Wie sie nun so weinte, beugte sie sich vor und sah ins Grab hinein. 12 Da nahm sie wahr, wie zwei Engel in weißen Gewändern dasaßen; der eine an dem Kopfende, der andere an dem Fußende der Stelle, wo Jesu Leichnam gelegen hatte. 13 Die Engel fragten sie: "Warum weinst du?" Sie antwortete: "Man hat meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wohin man ihn gelegt hat." 14 Nach diesen Worten wandte sie sich um und sah Jesus dastehen. — Sie wußte aber nicht, daß es Jesus war. — 15 Jesus fragte sie: "Warum weinst du? Wen suchst du?" In der Meinung, es sei der Gärtner, sprach sie zu ihm: "Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir, wohin du ihn gelegt hast? Dann will ich ihn holen."
Um ihn anderswo zu bestatten.
16 Jesus sprach zu ihr: "Maria!" Da wandte sie sich ganz zu ihm und rief auf hebräisch "Rabbuni!" — das heißt: Meister —. 17 Jesus sprach zu ihr: "Klammere dich nicht an mich! Denn ich bin noch nicht zum Vater aufgefahren.
Diese Worte sind sehr dunkel und werden ganz verschieden aufgefaßt. Ich verstehe sie so: Da Johannes nichts davon sagt, daß Maria Jesus äußerlich berühren wollte, so müssen wir, ohne diesen Gedanken in den Text einzutragen, nach dem Zusammenhang eine andere Erklärung suchen. Maria hat Jesus angeredet mit "Rabbuni, mein Meister." Wenn Jesus nun darauf erwidert: "Klammere dich nicht an mich" (denn so läßt sich das griechische Wort übersetzen), so bezieht sich das doch zunächst auf diese Anrede. Er ist zwar ihr Meister, aber hier auf Erden soll sie sich nicht an ihn klammern. Erst wenn er zum Vater aufgefahren und als der himmlische Hohepriester der vollkommene Segenspender für die Seinen geworden ist, erst dann, nicht früher, kann sie sich an ihn klammern als ihren Meister. Für jetzt aber soll sie etwas anderes tun: sie soll den Jüngern die Botschaft bringen, daß er im Begriff ist (so wäre wohl genau zu übersetzen), zum Vater aufzufahren, um dann von dort nach der Sendung des Heiligen Geistes als der himmlische Hohepriester die Seinen noch ganz anders zu segnen, als er dies während seines Erdenwandels vermochte.
Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: 'Ich fahre auf zu meinem Vater
Hier so wenig wie sonst schließt sich Jesus mit seinen Jüngern zusammen und redet deshalb nicht von unserem Vater. Er sagt stets: mein Vater. Sein Sohnesverhältnis zum Vater ist ganz einzigartig, und nur durch ihn und in Gemeinschaft mit ihm können wir Gott "Vater" nennen.
und zu euerm Vater, zu meinem Gott und zu euerm Gott.'"
18 Da brachte Maria von Magdala den Jüngern die Botschaft, daß sie den Herrn gesehen und daß er dies zu ihr geredet habe. 19 Am Abend jenes ersten Wochentages, als die Jünger
Die Apostel mit Ausnahme des Thomas.
aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Türen versammelt waren, kam Jesus und trat in ihren Kreis mit den Worten: "Friede sei mit euch!"
20 Als er dies gesagt hatte, zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite.
Um sie durch den Anblick seiner Wundmale davon zu überzeugen, daß er es wirklich sei.
Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen.
21 Dann sprach er abermals zu ihnen: "Friede sei mit euch! Wie mich der Vater ausgesandt hat, so sende ich nun euch." 22 Nach diesen Worten hauchte er sie an und sprach zu ihnen: "Nehmt hin den Heiligen Geist!
Hauch und Geist werden im Griechischen und im Hebräischen durch dasselbe Wort ausgedrückt (griechisch pneuma, hebräisch ruach). Wörtlich heißt es: "Nehmt Heiligen Geist" (ohne das bestimmte Geschlechtswort). Am Abend des Auferstehungstages war zwar der Heilige Geist noch nicht gegeben (7,39); erst am Pfingstfest wurde er gesandt, um in der Kirche, dem Leib Christi, zu wohnen und zu wirken. Aber wie Jesus selbst vom Vater für sein Werk hier auf Erden mit der Fülle des Heiligen Geistes gesalbt war (3,34), so teilte er seinen Aposteln unter der sinnbildlichen Handlung des Anhauchens die Gabe des Heiligen Geistes mit zur Ausrüstung für ihren Beruf und zugleich als ein Unterpfand dessen, was sie am Pfingstfest empfangen sollten. Zugleich wurden sie dadurch auch fähig, die Belehrungen des Herrn in der Zeit der 40 Tage mit dem rechten Verständnis aufzunehmen. Apg 1:3
23 Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie auch vergeben; wem ihr sie behaltet,
D.h.: nicht vergebt.
dem bleiben sie behalten."
24 Thomas, einer von den Zwölf, mit dem Beinamen "Zwilling",
Vgl. 11,16.
war nicht dabei, als Jesus kam.
25 Da erzählten ihm die anderen Jünger: "Wir haben den Herrn gesehen." Er aber erwiderte ihnen: "Erst will ich in seinen Händen die Nägelmale sehen, erst will ich mit meinen Fingern die Nägelmale betasten und meine Hand in seine Seite legen: — sonst glaube ich nun und nimmer!" 26 Acht Tage später waren seine Jünger wieder in demselben Haus. Auch Thomas war bei ihnen. Da kam Jesus bei verschlossenen Türen und trat in ihren Kreis mit den Worten: "Friede sei mit euch!" 27 Dann sprach er zu Thomas: "Leg deinen Finger hier auf diese Stelle und sieh dir meine Hände an! Dann reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite und werde nicht ungläubig, sondern gläubig!"
Wie Thomas wegen seiner Zweifel an Jesu Auferstehung in Gefahr stand, den Glauben ganz zu verlieren, so konnte er andererseits nur durch die Gewißheit der Auferstehung Jesu in vollem Sinn gläubig werden.
28 Da antwortete ihm Thomas: "Mein Herr und mein Gott!"
Anrede an Jesus, kein Ausruf der Verwunderung.
29 Jesus erwiderte ihm: "Weil du mich gesehen hast, bist du nun gläubig? Selig sind, die nicht gesehen haben und doch glauben!"
Das ist der bedeutungsvolle Schluß des vierten Evangeliums: ein Wort für jedes Glied der Kirche in allen Zeiten und Geschlechtern.
30 Noch viele andere Wunderzeichen hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan, die nicht in diesem Buch aufgezeichnet stehen. 31 Diese aber sind verzeichnet, damit ihr glaubt, Jesus sei der Messias, der Sohn Gottes, und damit ihr durch diesen Glauben Leben habt in seinem Namen.
Mit 20,31 schließt das eigentliche Evangelium. Kap. 21 ist ein späterer Nachtrag (siehe darüber die Einleitung).
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