Philemon 1

Text: Philemon 1,1-9 Der Brief Pauli an Philemon Einleitung Philemon wird von Alters her für einen angesehenen Einwohner von Kolossus, oder auch Vorsteher der dortigen Gemeinde gehalten, weil ihn Paulus seinen Gehilfen nennt (V. 1). Wenigstens hat er sein Haus dazu hergegeben, daß die Gemeinde sich darin versammeln konnte (V. 2). Und es gedenkt noch ein Schriftsteller aus dem fünften Jahrhundert, Theodoretus, daß noch zu seiner Zeit des Philemons Haus zu den gottesdienstlichen Verrichtungen gebraucht worden sei. Dieser Philemon hatte einen Knecht mit Namen Onesimus, welcher seinem HErrn Philemon untreu geworden war, entweder einen Diebstahl begangen, oder ihm sonst Schaden zugefügt, und deswegen die Flucht vor Ihm ergriffen hat. Bei dieser mag Onesimus Rom für einen Ort angesehen haben, wo er am wenigsten könnte ausgekundschaftet werden. GOttes Hand aber mag so über ihm gewesen sein, daß er aus irgend einem Trieb des Gewissens Paulum, der ihm von seines Herrn, des Philemons Haus her nicht unbekannt war, aufgesucht und durch dessen Vermittlung, sich mit seinem Herrn wieder auszusöhnen verlangt hat. Der im Unterweisen der Sünder auf dem Wege so gute und fromme GOtt aber segnete diese unvermutete Zusammenkunft Onesimi und Pauli zu Rom so überschwenglich, daß Onesimus zu ganzer Veränderung seines Sinnes, Glaubens und Erkenntnis unseres HErrn JEsu Christi durch das Evangelium gebracht, und von Paulo für einen - in seinen Banden erzeugten Sohn, und künftiglich recht brauchbares Glied Christi erklärt, und so dem Philemon angelegentlich empfohlen wurde, der ihn dann auch aus diesem Grunde wohl aufnahm, ihn der Knechtschaft entließ, und sofort dem guten Werk in Onesimo Raum machte; daß man von Alters her dafür hält, Onesimus sei noch ein Vorsteher der Gemeinde zu Ephesus geworden, und habe zuletzt in Rom die Wahrheit Christi mit seinem Martertode versiegelt. Wegen des Orts, woher dieser Brief geschrieben ist, kann wohl kein Zweifel sein, da Paulus so oft darin seiner Bande gedenkt, daß er von Rom aus, und vermutlich in seiner ersten dortigen Gefangenschaft, und bei erlangter naher Hoffnung seiner Befreiung geschrieben worden, weil er sich schon die Herberge bei Philemon bestellt. Der Zeit halber setzen Manche diesen Brief ganz gleich mit dem an die Kolosser, und erachten, beide Briefe seien zugleich durch Onesimum überbracht worden (Kol. 4, 9). Andere halten es aber für schicklicher, daß zuerst Onesimus mit diesem Brief an Philemon abgegangen sei, und dann Philemon ihn wiederum dem Paulus zu Dienst nach Rom geschickt habe, von wannen aus er noch einmal mit dem Brief an die Kolosser abgegangen sei. Denn man zweifelt mit Grund, daß Paulus des Onesimus schon so öffentlich in dem Brief an die Kolosser würde gedacht haben, ehe er noch gewußt, wie Philemon seine Aussöhnung angenommen habe, und wie sich Onesimus weiter in seinem rechtschaffenen Sinn bewähren würde. Die Absicht dieses Briefs ist, den Philemon, die Appia und den Archippus zuvörderst selbst in der gegenwärtigen Gnade, darin sie standen, zu befestigen. Sodann aber auch ihnen den Onesimus zu solch einer liebreichen Aufnahme zu empfehlen, als es nun der Gnade, deren er mit ihnen teilhaftig geworden, gemäß sei. Dieser Brief ist also ein sehr schätzbares Denkmal teils der wunderbaren Schickungen GOttes, unter denen er seine Auswahl zusammen bringt, und manche verlorenen Groschen aus einem solchen Staub und Wust aufhebt, worin Niemand etwas zu finden sich getraut hätte; teils aber auch von der apostolischen Sanftmut und Liebe, dem Willen GOttes nicht nur im Suchen und Seligmachen solcher Verlorenen zu dienen, sondern sich hernach auch unter ihre äußerliche Not hinzustellen, und ihnen aus dem Gedränge in das Geraume zu helfen. Endlich aber auch von der Pünktlichkeit, mit welcher sie auch das in das äußerliche Einschlagende behandelt, und dabei sorgfältig auf das, was des Anderen ist, gesehen haben. Der Brief hat nach der gewöhnlichen Aufschrift (V. 1-3) ein Zärtliches Zeugnis, wie viel Paulus mit Danken und Beten Anteil an Philemons gesegnetem Gnadenstand nehme (V. 4-9) Die hauptsächlichste Ermahnung wegen Onesimi Begnadigung und liebreicher Aufnahme (V. 10-21) Schlußermahnung und Grüße (V. 22-25) Text: Philemon 1,1-9 Paulus bahnt sich zu seinem eigentlichen, in Empfehlung des Onesimus vorhabenden Geschäft gar schicklich den Weg, durch Berührung alles Dessen, was Philemons Herz öffnen und anfassen konnte. Im Anfang und Beschluß dieser Worte nennt sich Paulus einen Gebundenen JEsu Christi, und sucht also darin einen Grund, daß man einem seines Gleichen nicht leicht etwas abschlage, vielmehr man durch gute Aufnahme seiner Ermahnung dasjenige Mitleiden bewähren könne, das man mit seinen Banden trage. Aus dem Beisatz: Timotheus, der Bruder, schließt man, daß der Brief in Pauli erster Gefangenschaft geschrieben sei, denn damals hatte er Timotheum bei sich. Philemon ist vermutlich durch Pauli Dienst zum Glauben an das Evangelium gebracht worden, und muß also vorher anderwärts, als zu Kolossen, gewesen sein, denn dorthin war Paulus damals noch nicht gekommen, wie er die Kolosser noch am Brief an sie zu denen rechnet, die seine Person im Fleisch nicht gesehen haben. Appia mag vermutlich Philemons Ehegattin gewesen sein, und der Apostel gedenkt ihrer in dieser Aufschrift um so mehr namentlich weil sie als Hausmutter zu dieser Angelegenheit des Onesimus auch das Ihrige zu sprechen hatte. Je mehr man ein gutes Vorhaben gemeinschaftlich und mit allseitiger Zufriedenheit betreiben und erreichen kann, desto besser ist es. Archippus wird Kol. 4, 17 angeführt, als einer, dem zur Vollendung seines Amts ein stärkender Zuspruch zu tun sei. Hier heißt er Pauli Streitgenosse, weil er vermutlich in anderwärtigen Leiden Pauli sich als einen tapferen Mitstreiter erwiesen hatte. Die Gemeinde in deinem Haus, könnte man zwar von Philemons Hausgenossen verstehen, die zusammen eine Hausgemeinde ausmachten, doch ist es wahrscheinlicher, daß, wo nicht die ganze Gemeinde, so doch ein starker Teil derselben sich in Philemons Haus gewöhnlich versammelt hat. Daß GOtt unser Vater und JEsus Christus unser HErr ist und uns von Einem wie von dem Anderen Gnade und Friede widerfährt, das ist die Summa des Evangeliums. Köstlicher Vorteil, daß man mit so wenigen Worten das ganze Gewächs des Glaubens in einem Herzen erfrischen und stärken kann. Durch gemeinschaftliches Stehen für einander im Gebet zu GOtt wird viel Öffnung der Herzen, Zutrauen, Gehorsam, Willigkeit, etwas voneinander anzunehmen, bewirkt. Wir verlassen uns heut zu Tage viel zu viel auf Worte, Stärke der Gründe, Heftigkeit der Vorstellungen, die man einander macht, und beklagen uns, wenn es nicht die gewünschte Wirkung hat; aber was sonst für ein sich ganz in des Anderen Platz stellendes Herz dazu gehört, bedenkt man zu wenig. Liebe und Glauben findet sich freilich nie keines ohne das andere. Doch kann eines vor dem anderen an Einem leuchten. Der Eine kann mehr zum geheimen Umgang mit dem HErrn JEsu im Gebet und Glauben gezogen, und dadurch zu einem Reichtum an Erkenntnis und Erfahrung gebracht werden. Ein Anderer kann mehr in die Liebesübung gegen alle Heiligen gestellt werden, wozu ihn freilich auch der Glaube beleben muß. Das Gute, das uns in Christo JEsu von GOtt bereitet und geschenkt ist, macht die Nahrung aus, von welcher der Glaube seine Stärkung, und durch deren Erkenntnis und Genuß der Glaube kräftig wird. Der Glaube wird aber auch wirksam und tätig durch die Liebe gegen alle Heiligen. In dieser tätigen Liebe gibt es sich zu erkennen, was in Christo JEsu und in seinem Reich der Liebe für eine Handreichung von mancherlei Gaben und Gütern ist, und wie wir das, was wir durch den Glauben aus der Fülle JEsu Christi nehmen, durch die Liebe über seine Glieder wieder ausfließen lassen, so, daß der Glaube hieran nicht nur sein Geschäft und Übung, sondern auch seine Stärkung hat. Zuerst hat Paulus versichert, was Philemons wackerer Glaubensstand für Danksagung und Gebet gegen GOtt gewirkt; jetzt auch, was es ihm für große Freude und Trost ausgetragen habe. Die Heiligen GOttes durch Zutritt in ein Haus erquicken, oder es versäumen, nimmt man oft gering. Aber nach Matth. 25, 40 wird Eines oder das Andere hoch angerechnet werden. Um der Liebe willen, die Paulus dem Philemon zutraut, und in deren er ihn hinwiederum zärtlich behandeln wollte, braucht er keinen Ernst des Gebots, sondern nur Lindigkeit des Vermahnens gegen ihn, und das teils nach dem alten Grund, auf welchem Paulus schon längst dem Philemon bekannt war, teils als einer, den das Alter und seine erlittenen Trübsale noch mehr zu aller Sanftmut anhielt, und der sich in seinen Banden als den Allergeringsten dargestellt achtete, mithin keine Autorität zu brauchen verlangte, sondern der Entdeckung seiner verborgenen Herrlichkeit mit aller Gelassenheit erwartete.
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