Acts 22:17-24
Der Missionsauftrag des Paulus
Nach seiner Begegnung mit Ananias kehrte Paulus nach Jerusalem zurück. Dort geht er – wie er weiter beschreibt – als immer noch treuer und nun bekehrter Jude in den Tempel. Als er im Tempel im Gebet ist, kommt eine Verzückung über ihn (vgl. Apg 10:10). Verzückung ist ein Zustand, in dem das normale Bewusstsein und das Erfassen der natürlichen Umstände zurücktreten und die Seele nur für das empfänglich ist, was Gott zeigt. Saulus geht so in seinem Gebet auf, dass er alles Natürliche vergisst. Dann erscheint ihm der Herr zum zweiten Mal. Von dieser Erscheinung lesen wir nichts in Kapitel 9. Er sieht den Herrn Jesus zum zweiten Mal in seiner Herrlichkeit. Er erscheint ihm jetzt nur, um ihm mitzuteilen, dass er Jerusalem verlassen soll, weil sie sein Zeugnis über Ihn nicht annehmen werden.Paulus berichtet das hier, um seinen jüdischen Zuhörern klarzumachen, dass es auf ausdrücklichen Befehl des Herrn hin geschah, dass er Jerusalem verließ. Dass der Herr dazu auch die Brüder gebrauchte, wie wir in Kapitel 9 lesen können (Apg 9:30), erwähnt er hier nicht. Diese beiden Aspekte stehen auch nicht im Gegensatz zueinander, sondern zeigen zwei Seiten auf, weshalb er Jerusalem verließ.Seine jüdischen Zuhörer sind noch immer mucksmäuschenstill, aber bei allen wird sich die Wut wohl immer weiter aufgestaut haben. Paulus wagt zu sagen, dass der Herr gesagt hat, dass sein Zeugnis in Jerusalem nicht angenommen werden würde, Jerusalem, das sich auf seine Beziehung zum Herrn so viel einbildet. Wie kann er es wagen, zu unterstellen, dass die Menschen in Jerusalem nicht auf Gott hören, während die Heiden das wohl tun würden! Das führt schließlich zu ihrem emotionalen Ausbruch. Doch sie hätten aus dem Propheten Jesaja wissen können, dass das Heil Gottes auch zu den Nationen gelangen würde (Jes 49:6). Das hat sich in den zweitausend Jahren Welt-Evangelisation auch bestätigt.Paulus sagt weiter, dass er nicht sofort bereit war, zu gehen, und wie er über den Auftrag, den er bekam, mit dem Herrn redete, genauso wie Ananias und Petrus das getan hatten (Apg 9:13; Apg 10:14). Viel lieber wäre er in Jerusalem geblieben. Dort würde er als Zeuge doch viel mehr zu seinem Recht kommen. Da kannten sie ihn als einen eifrigen Verfolger der Christen. Sollte er dort nicht von seiner Bekehrung zeugen können, um sie dadurch auch für den Herrn zu gewinnen?Als besonders starkes Argument, womit er den Herrn überzeugen will, weist er auf seine Zustimmung zum Tod des Stephanus hin. Er hatte dabei mitgeholfen, indem er auf die Kleider derer aufpasste, die Stephanus steinigten. Paulus spricht von Stephanus als „deines Zeugen“. Er klagt das Volk nicht an, dass sie das Blut des Stephanus vergossen haben. Er rechtfertigt Stephanus völlig, ohne die Juden direkt zu beschuldigen.Danach wiederholt er die Worte, die der Herr ihm sagte und womit er seinen Bedenken ein Ende machte. Er bekommt zu hören: „Geh!“ Er sollte aus Jerusalem weggehen. Er bekommt auch zu hören, wohin der Herr ihn senden würde, nämlich „weit weg zu den Nationen“.Die Reaktion der Juden
Als Paulus davon spricht, dass er zu den Nationen gesandt ist, entlädt sich ihre Wut. Von einer Aussendung zu den Nationen wollte ein Jude absolut nichts hören (vgl. 5Mo 32:21). Dass sie gerade an diesem Punkt wütend werden, liegt daran, dass gerade dieser Punkt ihre Exklusivität angreift. Sie hatten es mit der Muttermilch eingesogen, dass sie das einzige Volk waren, das mit Gott in Verbindung stand. Sie allein waren das auserwählte Volk. Wenn es Segen für andere Völker gab, dann nur durch sie.Die Vorstellung, dass der Messias – und Paulus sagte doch, dass er an Ihn glaubte – statt Israel in seiner alten Herrlichkeit wiederherzustellen, die Nationen zu seinem Volk machen würde, konnten sie überhaupt nicht verdauen. Als wenn die Völker auf demselben Niveau, ja, sogar höher stehen würden als Israel! Es war für sie unvereinbar, dass Proselyten gemacht werden könnten, die nicht zum Judentum gehörten. Das war alles vollkommen unannehmbar.Wir sehen, dass das Zeugnis von Paulus kein anderes Resultat hervorbringt als die Offenbarung des Hasses. Der Wutausbruch äußert sich darin, dass sie schreien, Kleidung wegwerfen und Staub in die Luft werfen. Diese Offenbarung des Hasses bestätigt das, was der Herr ihm vor zwanzig Jahren bereits gesagt hatte und was auch kurz zuvor durch den Heiligen Geist bezeugt wurde. Doch die Gnade des Herrn ist auch hier unterstützend für Paulus da, als er sein Zeugnis gibt.Berufung auf römisches Bürgerrecht
Der Oberste sieht, wie die Sache wieder eskaliert und ergreift Maßnahmen. Es reicht ihm, dass durch diesen Mann die Sache zum zweiten Mal aus dem Ruder läuft. Da Paulus seine Ansprache in Hebräisch gehalten hat, hat er möglicherweise nichts verstanden. Das wird ihn gehörig frustriert haben. Er tappt im Dunkeln über das, was gesagt wurde. Nun müssen die unbekannten Absichten aus dem Mann herausgeholt werden. Wenn er gegeißelt wird, wird er schon die Wahrheit sagen. Während sie die Vorbereitungen dazu treffen, bittet Paulus, ihm die rechtliche Grundlage für die Behandlung zu erklären, die er über sich ergehen lassen soll, obwohl er römischer Bürger ist. Paulus hatte dazu das Recht. Er anerkannte die Obrigkeit als von Gott eingesetzt zum Segen derer, die Gutes tun (Röm 13:3). Darauf weist er die Obrigkeit hier hin.Es kann sein, wie schon mal geäußert wurde, dass Paulus hier nicht in Übereinstimmung mit seiner hohen Berufung ist. In gewisser Hinsicht ist er durch eigenes Dazutun in diese Schwierigkeiten geraten. In Philippi berief er sich nicht auf sein Bürgerrecht, als er ungerecht behandelt wurde (Apg 16:23). Er tat das wohl, als sie ihn kurze Zeit später heimlich freilassen wollten, weil es dort der Sache Christi diente (Apg 16:37). Doch hier geht es um ihn selbst. Vorher hatte er erklärt, dass er Jude sei, jetzt erklärt er, dass er Römer sei. Beides war keine Sünde, doch war das die Kraft des Heiligen Geistes und das Zeugnis in Bezug auf Christus? Wir können jedoch mit demselben Recht fragen, an welcher Stelle der Herr von den Seinen verlangt, dass sie sich unnötigen Leiden aussetzen. Ganz allgemein können wir sagen, dass für alle gilt, die das Verhalten des Apostels hier kritisieren, dass es leichter ist, ein Märtyrer in der Theorie als in der Praxis zu sein.Weil Paulus sich auf sein römisches Bürgerrecht beruft, werden die Vorbereitungen für die Geißelung abgebrochen. Der Hauptmann geht davon aus, dass Paulus die Wahrheit redet und informiert seinen Vorgesetzten. Der Oberste will Sicherheit darüber haben und fragt Paulus, ob er ein Römer sei. Paulus bestätigt die Frage kurz und bündig mit: „Ja“. Er lässt sich nicht weiter darüber aus, was das alles beinhaltet. Es geht ihm nur darum, darauf hinzuweisen, dass etwas geschieht, was im Widerspruch steht zu dem Recht, auf das Rom so stolz ist.Der Oberste sieht Paulus argwöhnisch an. Jeder kann behaupten, dass er ein Römer sei. Er selbst hat dieses Bürgerrecht für viel Geld gekauft, denn das römische Bürgerrecht verschaffte viele Vorteile. Woher sollte dieser kleine Mann das Geld haben? Doch Paulus hatte aufgrund seiner Geburt in Tarsus automatisch dieses Bürgerrecht.Die Tatsache, dass Paulus sich auf sein römisches Bürgerrecht berufen hat, befreit ihn unmittelbar von der drohenden Geißelung. Der Oberste will aber immer noch wissen, woran er bei Paulus ist. Er lässt Paulus die Fesseln abnehmen und befiehlt dem Hohenpriester und dem gesamten Synedrium, zusammenzukommen. Der Oberste stellt Paulus nicht vor das Synedrium, weil es ein Gericht ist, sondern um durch die Konfrontation der beiden Parteien zu erfahren, worum es hier eigentlich geht. Hier zeigt sich die Macht der Römer über das religiöse System der Juden. Das macht auch deutlich, wie groß die Knechtschaft im Blick auf die Nationen wirklich ist, in die das Volk Gottes wegen seiner Sünden geraten ist. Daran sieht man ebenfalls, wie blind und anmaßend das Volk ist, wenn es sich über die Tatsache aufregt, dass das Heil Gottes sich zu den Nationen erstreckt.
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